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Beileid - Kondolenz

Wenn “Beileid” zu “Quiet Quitting” führt

Wie kondoliere ich als Führungskraft im Unternehmen richtig?

 

Wer trauert, kann ein Wort nicht mehr hören: “Beileid”

… und besonders dann, wenn anschließend nichts kommt, lange nichts.

Spontan, wenn es auf das Thema kam, sagten in kleineren Runden die Teilnehmer unisono sofort: “Du A… – Wenn mir jemand nur ein kurzes „Beileid“ in meiner tiefen Trauer-Situation sagen würde.”

Als evangelischer Pfarrer (i.R.) habe ich dieses “Beileid-LMAA” früher hundert, wenn nicht tausendfach am Rande von Beerdigungen beobachtet. In der Regel war postwendend eine abfällige oder massiv resignierende Mikromimik im Gesicht des Trauernden zu sehen. Auch bei jenen, die wie abwesend erschienen, war es, als ob die Faust gereckt würde und der Mittelfinger steil nach oben zeigte.

So kritisch dies jeweils in einem ruhigen Moment auch erschien, den meisten war es in der Rückschau nicht bewußt, wenn sie es selbst nutzten. Mehr noch, sie machten deutlich, dass in der zurückliegenden Situation auch keine Idee hatten, was sie hätten anders machen können.

 

Und wenn die eigene Führungskraft nur ein kurzes “Beileid” äußerte …

Mag sein, dass sie keine andere Idee hatte, was sie sonst hätte sagen sollen. Das erklärt den Fauxpas. Aber nur vielleicht, jedoch es entschuldigt ihn nicht. Es macht ihn erst recht nicht ungeschehen. In diesem Moment bekommt die Vertrauensbeziehung auf der Arbeit einen fast unhörbaren (Haar-) Riss. Die Chance gut und wertschätzend zu kondolieren, ist vorbei. 

 

Was bedeutet eigentlich kondolieren?

Con-dolere ist lateinischen Ursprungs und steht für “mit” + jmd. “be-trauern”. 

Wenn hier ein Mitarbeiter nach dem Tod eines Angehörigen trauert, kann die Führungskraft

  1. zu ihm oder ihr kommen und entweder aus dem gleichen Anlass trauern oder 
  2. neben ihm zu stehen und ihm respektvoll begegnen, seine Trauer, den Schmerz zuerst mit aushalten und dann vielleicht helfen zu integrieren.
  3. auf jeden Fall sowohl dem Trauernden als auch dem Verstorbenen respektvoll begegnen und die Ehre erweisen, den Trauernden aufzurichten. 

Wenn in der Art, wie kondoliert wird, ein Gefälle deutlich zu spüren ist: “Du armer Trauernder”, dann scheitert die Kommunikation.

Man kann es nicht oft genug sagen: Jeder trauert für sich bzw. in seiner Art. Da gibt es kein richtig und falsch, was man von außen kommentieren dürfte.   

 

Eigenreflexion

Bevor Sie weiterlesen, halten Sie kurz inne. Wie möchten Sie, dass man mit Ihnen umgeht, wenn Sie gerade jemand sehr Nahestehendes betrauern (müssten)? Wie dürfen andere mit Ihrer Trauer umgehen? Von wem erwarten Sie Anteilnahme? Wer sollte lieber ein Kondolenzschreiben schicken, anstatt persönlich zu kommen?

 

Meine 7 Empfehlungen zum Kondolieren

  1. Kondolieren ist persönlich, möglichst im direkten Kontakt “Face 2 Face”. Sofern es für beide Seiten ok ist, kann dies auch mit einer körperlichen Berührung z.B. einer leichten Umarmung zum Ausdruck gebracht werden.
  2. Bringen Sie ehrlich ihre Trauer über den Tod dieses Menschen zum Ausdruck – alles andere wird schief.
  3. Sprechen Sie über das, was Sie mit diesem Menschen verbindet. 
    1. Das kann gerne eine kleine, auch leicht amüsante, Anekdote sein.
    2. Oder von dem Sie wissen, dass der Verstorbene ihre Mitarbeiterin so unterstützt hat, oder was sie von einem gemeinsamen Erlebnis erzählt hat. (“Ja, und sie erzählten mir noch von ihrem Urlaub im Sommer in der Bretagne, wo ihr Mann …)
  4. und jetzt ist er tot, das macht mich traurig, fassungslos usw.
  5. a) Was werden Sie jetzt ggf. vermissen?
    1. wenn es der eher unbekannte Partner oder ein entfernteres Familienmitglied, vielleicht auch das Familientier ist … – knüpfen sie vorsichtig an Punkt 3b an, was der Mitarbeiter jetzt vermissen könnte.
  6. Gibt es etwas, was Sie sicher an Unterstützung anbieten können und auch umsetzen? – und was vom Betroffenen auch angenommen wird. z.B. -> jemand der die leere Wohnung zu Hause nicht sehen will, wird sich kaum über freie Tage freuen; schauen sie vorsichtig, was jetzt am meisten gebraucht wird und von Ihnen oder auch dem Team angenommen wird?
  7. Wenn es passt, schließen sie mit einem ernstgemeinten Wunsch: z.B. Kraft in dieser Situation. 

 

9 kleine, entscheidende Hinweise: 

  1. Seit fast zwei Generationen sterben die meisten Menschen in der Regel nicht mehr zu Hause oder eben im vertrauten Familienkreis. D.h. Es ist realistisch, dass für Ihren Mitarbeiter dieser Tote der erste Tote ist, der ihm in seinem Leben begegnet. Und dieser Tote ist beispielsweise sein Vater. 
  2. Nicht wenige haben in diesem Moment weder Worte noch einen inneren Kompass, oft aber ein (im Nachhinein) untrügliches Gespür dafür, wenn etwas passiert, was respektlos ist. 
  3. Wie ehrlich, natürlich und wie aus dem eigenen Inneren heraus etwas gesagt wird, ist in der Wirkung viel entscheidender als die grammatikalische Richtigkeit.
  4. Wenn es nicht möglich ist, der trauernden Person persönlich zu begegnen und mit ihr zu sprechen, würde ich a) wenn sie sehr nahe dran sind: telefonieren und ansonsten schreiben. Handschriftlich ist Trumpf!
  5. Sie sollten immer kondolieren, wenn Sie davon ausgehen können, dass der Verstorbene ihrer Mitarbeiterin wichtig war – auch wenn es nicht der direkte Partner ist. Das kann auch der in der Türkei verstorbene Großvater sein!
  6. Wenn ihnen in einer Situation nichts einfällt, was sie sagen könnten, weil sie vielleicht selbst zu bestürzt sind, dann sagen Sie bitte genau das. “Ich bin zu bestürzt, ich habe keine Worte…”
  7. Jedem Mitarbeiter sollten sie ähnlich intensiv kondolieren. Gehen Sie davon aus, dass dies von allen Umstehenden genauestens beobachtet wird.
  8. Fragen Sie vorsichtig, wie der Trauernde jetzt am liebsten behandelt werden möchte. Wie geht es Ihnen JETZT – und deutlich zeigen, dass es hier nicht um Floskelantworten geht. Wenn keine Antwort kommt, ist das völlig in Ordnung.
  9. Hilfreich kann es bisweilen sein, wenn der kulturelle Hintergrund (z.B. Religion, Sprache) mitbedacht wird. Und da sollte man immer einmal mehr fragen – als einmal weniger

 

8 No-Gos (alle aus dem wahren Leben. Unvollständige Liste)

  1. Sofort von der Bildfläche verschwinden, Büro abschließen und dem Vorzimmer sagen, man sei unbestimmt nicht erreichbar.
  2. Aussitzen und  Schweigen als Führungskraft
  3. Aussagen wie: “Hier sind sie auf der Arbeit, Trauern können Sie zu Hause”
  4. “Volle Leistung fordern, Härte zeigen” – Wenn sich dann der Mitarbeiter sofort in die Arbeitsunfähigkeit verabschiedet und für mindestens 6 Wochen nicht erreichbar ist! 
  5. Durchhaltesprüche, “das wird schon wieder” oder bei einer Stillen Geburt: “Sie sind ja noch jung…”  (Hier werden Sie ultimativ verlieren!)
  6. “Das hatte ich auch beim Tod meines vor Jahren verstorbenen Mannes” – und dann wird ohne Punkt und Komma 10 Minuten gelabert … (!respektlos!)
  7. Die Sekretärin anrufen lassen oder Serienbrief Nr. 27 aus dem PC laufen lassen, den ggf. sogar der Trauernde selbst kennt. 
  8. Eine kurze SMS/Whatsapp oder ähnliches schicken.